Rotbart: Die Begegnung

Auch diese Geschichte spielte sich auf der dritten Reise Rotbarts ab, allerdings mehr gegen Ende, nach der Rückkehr von seiner Suche nach Molly, einer Schiffskatze des Fliegenden Holländers.

3ReiseZwei Jahre lang war die graue Schiffskatze nun schon zur See gefahren und nun ging sie das erste mal an Land. Das Schiff hatte an der Pier festgemacht und als des Nachts Ruhe an Bord eingekehrt war, da machte sie sich über die Gangway davon, um den Hafen zu erkunden. Vorsichtig schlich sie über die Pier, an Lagerschuppen entlang, schnupperte hier und da und erkundete das für sie fremde Gebiet.
„Halt da!“ grollte es plötzlich aus dem Schatten einer finsteren Ecke, „was hast du hier zu suchen, hier dürfen sich nur Schiffskatzen frei bewegen.“
Die Katze zuckte zusammen: „Ich bin eine Schiffskatze, erwiderte sie selbstbewusst, nachdem sie den ersten Schrecken überwunden hatte. „Und wenn du es nicht glaubst, kann ich dir gerne zeigen, wie eine Schiffskatze mit Leuten deines Schlages verfährt, wenn du dich überhaupt traust, aus deinem Versteck zu kommen“, aufreizend spreizte sie ihre Zehen und ließ die beachtlichen Krallen hervorschnellen.
„Ach, du bist die Neue“, lachte der gewaltige Kater, der nun langsam und gemächlich aus dem Schatten hervortrat. Wir dachten schon, wir würden dich nie zu Gesicht bekommen.“
„Die Neue“, protestierte die Katze beleidigt, „ich fahre nun schon mehr als zwei Jahre zur See und ich kann dir Geschichten erzählen, dagegen sind deine Erlebnisse nur Kinderkram.“ Der riesige Kater amüsierte sich prächtig. „Na dann schlage ich vor, du kommst mit zur Versammlung, da kannst du deine Geschichten loswerden und danach“, des Katers Augen wurden ein wenig glasig, als er die schöne, junge Katze betrachtete, “werden wir Spaß haben.“
Die Katze folgte dem Kater in einen baufälligen Lagerschuppen. Dort warteten bereits zahlreiche andere Katzen und Kater, die miteinander schwatzten. Kaum jemand beachtete die graue Katze, die sich hinsetzte und die Versammlung betrachtete. Alle Katzen waren ungewöhnlich groß und kräftig und alle sahen irgendwie verwegen aus. Da war der schwarz-weiße Kater mit dem dichten, langen und kräftig zerzausten Fell, der gerade davon erzählte, wie er bei Windstärke zehn in die Wanten geklettert war und sich auf einer Rah niedergelassen hatte, um nicht von den über das Deck schlagenden Wellen weggespült oder vom Spritzwasser durchnässt zu werden. „Hättest ja auch unter Deck gehen können, du Angeber“, grunzte eine riesige dicke getigerte Katze, die so aussah, als könne sie mit einem Happs ein ausgewachsenes Kaninchen verschlingen.
„Ein echter Kap Hoorner geht nicht unter Deck wegen so ein bisschen Wind“, erwiderte der Kater abfällig. Ein wirklich harter Kerl.
Je länger die Nacht, desto abenteuerlicher und unglaublicher wurden die Geschichten. Und manch eine Schiffskatze musste geradezu über die Kräfte eines Löwen verfügen, glaubte man dem, was sie erzählte.
Und dann war die Reihe an der grauen Katze, die sich inzwischen richtig klein und unerfahren vorkam. Sie hatte keine wirklich aufregende Geschichte zu erzählen und so begann sie einfach damit, dass sie die Schiffskatze des Käptn Karl war. Ein anerkennendes Raunen ging durch die Reihen. Denn jeder wusste um das Schicksal der Schiffskatzen, die auf seinen Schiffen ihren Dienst getan hatten. Einige von den Anwesenden waren früher selbst auf einem von Karls Schiffen gewesen und hatten ihren Dienst nach kurzer Zeit quittiert, weil sie der Ratten nicht Herr geworden waren. Andere von denen man wusste, waren nach kurzer Zeit über Bord gegangen und wieder andere waren zu dienstuntauglichen Invaliden geworden. Niemand der hier Versammelten würde freiwillig auf Käptn Karls Schiff anheuern – Niemand.
„Und du bist schon zwei Jahre bei ihm?“ Die mächtigen Schiffskatzen schüttelten ungläubig ihre Häupter. Das war eine Geschichte, die alle anderen bei weitem übertraf. Und was noch beeindruckender war, jeder wusste: das war kein Seemannsgarn.
„Nun, das war ja alles sehr schön“, aber jetzt hört euch mal die Geschichte an, wie ich den Hai erlegt habe.“ Aus dem Dunkel des Raumes trat ein Kater hervor, der alle anderen an Größe und verwegenem Aussehen übertraf. Sein rot-gelb gemustertes Fell erinnerte beinahe an einen Tiger. Sein ganzer Körper war von tiefen Narben bedeckt. Das eine Auge, das er noch besaß funkelte vor Abenteuerlust. Und als er sich hinsetzte, um eine theatralische Kunstpause zu machen, da konnte die graue Katze sehen, dass ihm das ganze rechte Vorderbein bis zu den Schultern fehlte, ebenso wie ein Teil des buschigen Schwanzes.
„Ah, Rotbart, tönte es aus den Reihen der Schiffskatzen, wir dachten schon Du kommst gar nicht mehr.“

Der große Kater genoss sichtlich die Aufmerksamkeit. „Wie solltet ihr armseligen Kreaturen denn euren Job machen, wenn ich nicht meine Erfahrungen mit euch teile“, grunzte er.
Und dann begann er zu erzählen. Es war vor vielen Jahren, da hatte Rotbart auf einem Südseesegler angeheuert. Das Schiff geriet in eine langanhaltende Flaute und mit der Zeit wurden die Lebensmittel knapp. Die Seeleute versuchten die Speisekarte mit Fisch anzureichern, aber sie hatten nur wenig Glück. Kaum ein Fisch wollte anbeißen. Und dann biss doch einer an. Es musste ein gewaltiges Tier sein, ein Fisch, der viele Tage volle Mägen garantieren würde. Mit vereinter Kraft zogen die Seeleute den Fisch an Bord, der hier wild zappelte. Es war ein mächtiger Hai, der nun über das Deck tobte, mit seinem Schwanz um sich schlug, dass so manch einem Seemann die Knochen gebrochen wurden. Andere kamen dem schrecklichen Maul des Ungeheuers zu nahe und büßten dabei Hand, Fuß oder Arm ein. Das Tier war nicht zu bändigen und es bestand auch keine Chance, es wieder von Bord zu bekommen. Der Kater, der irgendwo in der Takelage vor sich hindöste, fühlte sich schließlich in seiner Ruhe gestört. Und als er sah, was dort unter ihm an Deck vor sich ging, da beschloss er, einzugreifen. Mit einem todesmutigen Sprung landete er auf dem Rücken des wild zappelnden Ungeheuers. Ja, eine echte Katze ist natürlich schneller, als so ein zappelnder Hai. Und so konnte der Kater den wütenden Schwanzhieben und dem gefährlich schnappenden Maul ausweichen und dem Ungetüm schließlich seine kräftigen Reißzähne in den Nacken schlagen und das Genick brechen.
„Leider“, so schloss der Kater wehmütig, „leider war ich unaufmerksam. Und irgendwie geriet meine Vorderpfote in den Rachen des Hais, der im Todeskampf noch einmal zuschnappte.“
„Wenn man dich so anschaut, Rotbart, dann bist du wohl des Öfteren unaufmerksam gewesen“, tönte ein junger, ehrgeiziger Schiffskater. „Kein Wunder, dass dich altes Wrack niemand mehr als Schiffskater haben will.“
Eisiges Schweigen erfüllte den Raum, so etwas zu sagen, gehörte sich einfach nicht und in des mächtigen Katers einziges Auge trat ein Ausdruck unendlicher Traurigkeit. Aber trotz allem versuchte er seine Würde zu wahren: „Wer sagt denn, dass mich niemand mehr haben will“, sprach er leise und ruhig, „aber im Gegensatz zu dir, junger, ungehobelter Spund, muss ich nicht mehr jeden Job annehmen. Ich suche mir mein Schiff selbst aus.“ Des Katers Stimme war ohne Wut und ohne Hass, es war einfach nur eine Klarstellung. Mit ruhigen, scheinbar gelassenen Bewegungen drehte er sich um und verschwand wieder in der Dunkelheit.
Eine ganze Zeitlang herrschte betretenes Schweigen, dann unterbrach der Kater, den die Katze zuerst getroffen hatte die niedergeschlagene Stimmung. „Lasst uns nun zum gemütlichen Teil der Nacht übergehen.“ Und sofort stimmten die Kater ein liebestolles Gejaule an und umgarnten die Katzen.
Die graue Schiffskatze aber verließ die Versammlung. Sie konnte den traurigen Blick Rotbarts nicht vergessen und wollte sich nur noch an den Kombüsenherd legen, um das Erlebte zu verarbeiten.

Als sie auf die Gangway zusteuerte, da sah sie den mächtigen, verstümmelten Kater auf dem Pier sitzen und sehnsüchtig auf ihr Schiff starren.

„Hallo Rotbart“, sprach ihn die Katze an, „schönes Schiff, nicht wahr?“
„Es ist dein Schiff“, stellte der Kater fest.
„Ja, es ist mein Schiff.“ Und einer plötzlichen Eingebung folgend fragte sie: „Willst du dort nicht anheuern?“
Der Kater blickte die Katze mit ungläubigen Augen an. „Aber du bist dort doch die Schiffskatze. Willst du dort deinen Job für mich aufgeben? Und überhaupt, man wird mich von Bord jagen. Der Junge Spund hatte doch recht, niemand will mich mehr, ich altes Wrack bekomme keinen Job mehr.“
Die graue Katze lachte: „Wer sagt denn, dass es auf einem Schiff nur eine Schiffskatze geben darf. Und nebenbei bemerkt, ich habe dir gerade einen Job angeboten.“
„Aber der Käptn . . .“, wandte der Kater verunsichert ein. „Was interessiert uns der Käptn“, sagte die graue Katze bestimmt. „Ich bin die Schiffskatze und ich entscheide, wer mir bei meinem Job beiseite steht. Wir sind Katzen, seit wann lassen wir uns von Menschen etwas sagen? Willst du nun den Job oder nicht?“
Ein verwegenes, hoffnungsvolles Funkeln stahl sich in das einzige Auge des Katers, wurde aber sogleich von Zweifeln abgelöst: „Ich weiß nicht, sagte er bedächtig, ob mir dein Mitleid guttut.“ Die Katze fauchte zornig: „Wenn ich Mitleid mit dir hätte, dann würde ich dich von der Pier stoßen, um deinem Elend ein Ende zu machen. Aber ich brauche dich, verdammt noch mal und du brauchst alles andere als Mitleid. Dein Selbstmitleid reicht schon für zehn Burschen deines Kalibers. Kommst du mit, oder nicht?“ sprachs und lief die Gangway hinauf an Bord.
Am nächsten Morgen stolzierten zwei Schiffskatzen über das Deck. Das Schiff hatte bereits wieder abgelegt und zunächst waren die Matrosen viel zu beschäftigt, den Neuzugang zu bemerken. Aber dann schrie ein Matrose plötzlich lachend auf: „Was hast du dir denn da angelacht, einen räudigen Krüppel. Der hat hier wirklich nichts zu suchen, wir haben doch schon eine Schiffskatze und zwar eine gesunde.“ Der Matrose schnappte sich einen Belegnagel und wollte den Kater, der den Matrosen wütend anbrüllte, über Bord prügeln. Und auch die graue Schiffskatze schrie den Matrosen laut an und stellte sich schützend vor den Kater.
„Steck sofort den Belegnagel weg, du Idiot“, schrie der Kapitän vom Achterdeck.“ So behandelt man keinen Rotbart.“
Alle, einschließlich der beiden Katzen starrten entgeistert auf den Kapitän. „Wisst Ihr überhaupt“, schimpfte der Kapitän, „mit wem Ihr es da zu tun habt? Das ist der legendäre Rotbart, der Schiffskater, der den Hai getötet hat und vieles andere mehr. Ich war damals als Offizier selbst dabei. Und während er von den legendären Heldentaten des mächtigen Schiffskaters erzählte, kam der Kapitän vom Achterdeck und ging auf die beiden Katzen zu. „Hallo, Alter“, er stieß dem Kater mit der Faust freundschaftlich gegen den dicken Schädel, „es ist mir eine Ehre, dich an Bord begrüßen zu dürfen.“

Der Kater erwiderte die Begrüßung mit einem kräftigen Kopfstoß und die graue Katze merkte, wie eine Veränderung in ihm vorging. Er war sichtlich Stolz und sein Auge funkelte vor Unternehmungslust und Lebensfreude. Und dann sprang das mächtige Tier auf die Reling und kletterte, als ob es sechs und nicht nur drei Beine hätte behände die Wanten hinauf, sprang und turnte mit einer Sicherheit und Schnelligkeit in der Takelage herum, dass es selbst der geschickten Grauen ganz mulmig im Magen wurde.
Der Käptn lachte aus vollem Herzen: „Ganz der alte Rotbart, ganz der Alte.“
Der Anführer der Ratten, der dem Geschehen aus einer offenen Luke zugeschaut hatte, murmelte nur: „Oh, oh, der alte Rotbart ist wieder im Geschäft, das wird ein harter, harter Törn.“ Kaum hatte er diese Worte gequiekt, war der Kater auch schon über ihm und der fette Nager verschwand im Maul des Katers wie ein Appetithäppchen.

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