Rotbart und der Fliegende Holländer

Immer mal wieder taucht hier der Anfang einer Geschichte auf,  die Teil der eigentlichen Rotbartsaga ist. Diese Episoden werden mit Erläuterungen und Dokumenten Eingang in das Einführungsbuch Rotbartsaga, wie alles begann finden. Und natürlich sind diese Abenteuer Bestandteil der jeweiligen Hauptbandes der Rotbartsaga. In diesem Fall geht es um eine kleine Geschichte die Rotbart auf seiner dritten Reise erlebt hat und die in aller Ausführlichkeit im dritten Band der Rotbartsaga beschrieben werden wird. Die Ereignisse, die hier angerissen werden, fanden in den Jahren 1661/62 statt.

Shipwreck in a thunderstorm *oil on canvas  *113 x 162 cm *1770Lange bevor die Einwohner Nieuw Amsterdams es auch nur ahnten, wusste Rotbart es bereits. Er konnte ihn förmlich riechen, den Sturm. Und nicht nur den. Es würde ein fürchterliches Unwetter geben. Für die Menschen noch unhörbar rollte bereits der Donner über das Meer. Und die Luft war gesättigt vom Geruch der salzigen Gischt, die der Sturm viele Meilen entfernt von den Kämmen der Wellenberge fegte und mit der hier noch leichten Brise über die Insel Manhattan in die Mündung des Hudson treiben ließ. Rotbart kannte die Anzeichen der kommenden Katastrophe, er hatte das schon einmal erlebt, auf hoher See, vor noch gar nicht langer Zeit.

Gelassen schlenderte Rotbart auf  der Mauerkrone des Forts entlang, bis er einen guten  Platz auf der südwestlichen Bastion gefunden hatte. Von hier aus würde er ihn kommen sehen. Von der Mündung des Groote Rivier würde er an Lange Eylandt vorbeigesegeln und schließlich in Sturm und Hagel gehüllt hinter den vorgelagerten Inseln wie aus dem Nichts auftauchen.

„Von dort“, Rotbart streckte wie zufällig seine Pfote in die Richtung, wo der Atlantik lag und leckte sie ausgiebig, „vor dort wird er kommen, und dann geht es richtig rund, glaubt es mir.“

Der Kater und Der Schatten, beide trotz ihrer jungen Jahre bereits erfahrene Seefeline, schauten Rotbart verständnislos an. Sio und Krabat, die beiden Bordhunde, die aus irgendeinem Grunde hier in Nieuw Amsterdam gestrandet waren, blickten erst gar nicht hoch. Nur nicht zu viel Aufmerksamkeit erregen, Rotbart hatte schließlich einen  Ruf als Hundehasser zu verteidigen, da tat Hund am besten so, als sei er gar nicht da. Immerhin, der in Bordhundekreisen berüchtigte Schiffskater duldete die beiden Schwarzen Kläffer heute großzügig in seiner Nähe, genauer gesagt er ignorierte sie einfach. Zumindest, wenn sie in Begleitung ihrer beiden kätzischen Kumpels waren. Die respektierte er nämlich sehr und das nicht nur, weil sie so gute Zuhörer waren, wenn er über seine Abenteuer redete. Angesichts des Unwetters, das sich nun bereits in Form einer recht steifen Brise und einer über der Flussmündung aufziehenden schwarzgrauen Wolkenwand auch für unsensible Gemüter ankündigte, hatte das Ausharren der vier auf der exponierten Bastion schon etwas heldenhaftes. Alle anderen freilaufenden Vierbeiner hatten sich schon längt einen sicheren Unterschlupf gesucht. Der Kater, Der Schatten, Sio und Krabat waren die Einzigen, die zusammen mit Rotbart dem heraufziehenden Unwetter mit erstaunlicher Gelassenheit entgegensahen.

Die drei Katzen kannten Gewitter, sie hatten so manchen Sturm mit Blitz, Donner und Wolkenbrüchen auf ihren Schiffen überstanden und wussten das wilde Getöse durchaus richtig einzuschätzen. Nein, ängstliches Verstecken – wie es die meisten ihrer Artgenossen in einer solchen Situation praktizierten – war ihnen fremd. Man musste eigentlich nur darauf achten, nicht weggeweht, weggespült oder total durchnässt zu werden. In dieser Hinsicht war der heute gewählte Beobachtungsposten vielleicht nicht optimal, aber ausreichend. Wenn es ganz dicke kommen würde, waren genügend Nischen und Schießscharten in Reichweite, in die man sich hineinquetschen konnte. Zur Not reichte auch die Lafette einer der Kanonen als provisorischer Unterstand. Die Hunde allerdings waren nicht nur wegen des imposanten Rotbart so ruhig. Sie hielten es hier draußen vor allem deshalb aus, weil es ihre beiden Katzenkumpels auch taten.

„Was meinst Du mit‚ von dort wird er kommen?“ fragte Der Schatten, „und wer soll von dort kommen?“

Rotbart war putztechnisch inzwischen bei der linken Hinterpfote angekommen und blickte kurz auf: „Na der Fliegende Holländer“, sagte er betont lässig, „ein alter Bekannter von mir.“

Rotbart hatte es geschickt eingefädelt, denn natürlich war es seine Absicht, die beiden Youngster neugierig zu machen. Schließlich war er es seinem legendären Ruf schuldig, sich in Bescheidenheit zu üben, was natürlich in direktem Gegensatz zu seinem Katerdasein stand. Also wartete er darauf, darum gebeten zu werden, die Geschichte von seiner Begegnung mit dem Fliegenden Holländer zum Besten zu geben. Und natürlich wurde seine Geduld auf keine große Probe gestellt.

„Duuu kennst den Fliegenden Holländer? Erzähl.“ Und als Rotbart geradezu aufreizend gelangweilt seinen Blick auf die näherziehende Unwetterfront richtete und meinte: „Ach, da gibt’s doch nicht viel zu erzählen, ich bin ihm halt mal begegnet“, da hatte er erreicht, was er wollte.

„Erzähl doch Rotbart, bitte, bitte, erzähl uns die Geschichte.“

Also begann der alte Haudegen zu erzählen. Und da er wusste, dass er noch ein wenig Zeit hatte, bis es angebracht war, sich vor Hagel und Schauer in Sicherheit zu bringen, fing er damit an, wie er in Amsterdam ein Schiff bestieg, um seine dritte Seereise anzutreten. Diesmal hatte er nicht auf seinen Käptn Carl gewartet, der schien einfach nicht in die Gänge zu kommen. Also war er in das nächstbeste Boot gesprungen, dass die letzten Vorräte an Bord eines der abfahrbereiten Schiffe brachte und hatte dasselbe zwecks Fernreise geentert. Ein paar klärende Worte gegenüber der vierbeinigen Stammbesatzung und Rotbart konnte unbehelligt seiner Arbeit nachgehen. Groß war der Widerstand seiner Kollegen ohnehin nicht gewesen, denn die waren froh, mit dem robusten Rattenfänger eine solide Verstärkung gegenüber der Nagerpopulation zu haben. Ganz offensichtlich gehörten Kapitän und Mannschaft nicht gerade zur reinlichsten Sorte. Und der Sinn von Disziplin an Bord schien es ebenfalls nicht leicht zu haben, in das meist vom Alkohol umnebelte Gehirn des Schiffsführers  Einzug zu halten. Und so begann Rotbart schon bald zu bereuen, sich diesen Seelenverkäufer nicht vorher besser angeschaut zu haben.

Eigentlich habe er ja froh sein können, so schimpfte Rotbart, dass der Kapitän das Schiff nicht bereits im Kanal vor der französischen Küste in Grund und Boden gesegelt habe. Der Kater musste inzwischen seine Stimme erheben, weil sich zu dem Pfeifen des aufgekommenen Sturmes nun auch laute Donnerschläge als Begleitmusik zu den am Horizont zuckenden Blitzen gesellten. Dann musste er jeweils eine kurze Pause einlegen, was die Spannung bei seinen Zuhörern noch steigerte.

Fort Conraadsburg in Elmina an der Goldküste Afrikas hatte der Kapitän schlichtweg verfehlt. Stattdessen war er zu weit von der afrikanischen Westküste abgekommen und in den Passat geraten, der das Schiff nun über den Atlantik trieb. Weder konnte wie geplant im holländischen Handelsstützpunkt die lukrative Ladung Sklaven, noch das dringend benötigte Wasser oder frischer Proviant übernommen werden. „Und als wir dann auch noch in einen fürchterlichen Sturm gerieten, da war es mit der Reise bald vorbei. Und beinahe auch mit mir“, schloss Rotbart erst einmal seine Ausführungen, um sich für den zweiten Teil der Geschichte in eine bessere Position, ein wenig unterhalb der Brustwehr zu bringen. Denn der Sturm zerzauste nicht nur sein dichtes Fell, er fegte auch die ersten Regentropfen von der nahenden Gewitterfront herüber. So manches Teil, das nicht niet- und nagelfest war, wie die eine oder andere Holzschindel, schwirrte bereits durch die Luft. Und die Segel der nahegelegenen Mühle waren längst zerfetzt.

„Selbst einen harmloseren Sturm, hätten Mannschaft und Schiff kaum überstanden“, setzte Rotbart seine Ausführungen fort und sein mächtiger windzerzauster Schädel hob sich vor der finsteren Wetterfront mit den flackernden Blitzen ab, die den Erzähler wie einen  Geist aus dem Jenseits erscheinen ließen. „Und als dann inmitten des Blitz-, Hagel- und Sturmgetöses geradezu aus dem Nichts jenes Schiff auftauchte, das wie von Geisterhand bewegt, mit zerfetzten Segeln und laut singender Mannschaft seinen Kurs unbeirrbar gegen den Wind steuerte, da brach unser morscher Kahn auseinander und versank innerhalb kürzester Zeit mit Mann und Maus.“

„Und jetzt bringt euch in Sicherheit, schnell, schnell!!“

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