Wie ich Rotbarts Geschichten entdeckte

CarlszoonsCottageSXEs begann im Frühjahr 2007, als ich des Öfteren  die alte Schlagd im nordosthessischen Werrastädtchen Wanfried besuchte. Ein historisches Hafenensemble mit gemütlichem Biergarten lädt dort zum Verweilen und Träumen ein. Und so kam es, dass eines Tages, während ich über das sonnenglitzernde Wasser blickte und meine Gedanken in maritime Fernen schweiften, ein alter Mann auftauchte, ein Holländer, der sich mir als Carlszoon vorstellte und von einem seiner Vorfahren aus dem 17. Jahrhundert erzähle. Kapitän Carl Carlszoon hieß dieser Seefahrer, der – wie mir sein ergrauter Nachfahre verriet – im Auftrag der holländischen Handelskompagnien zunächst Ostindien und später Westindien, also die nordamerikanischen Gebiete, erforscht hatte. Dort, an der Küste nahe Niew Amsterdam, dem heutigen New York, habe er sich schließlich niedergelassen.

Ich sei doch Historiker und immer auf der Suche nach interessanten Geschichten, hatte der alte Holländer mit einem geheimnisvollen Lächeln noch gesagt, bevor er einfach davonging.

Unsanft weckte mich die Kellnerin aus meinen Tagträumen „darf ich das hier schon mal wegräumen und darf es noch etwas sein, Kaffee, Dessert?“ fragte sie routiniert und begann schon einmal Teller und Besteck zusammenzuräumen.

„Nein Danke“, antwortete ich geistesabwesend und starrte auf meine noch unbenutzte Serviette. Eine Skizze, die aussah wie eine Karte aus dem 17. Jahrhundert war darauf abgebildet. Beim genaueren Hinschauen erkannte ich den Beschriftung „Niew Nederland“ und die Skizze einer Hütte auf die ein Pfeil mit der hingekritzelten Bezeichnung „Carlszoons Cottage“ wies. Der geneigte Leser mag sich vorstellen, dass nun meine Neugierde geweckt war, zumal sich das Papier durchaus nicht anfühlte, wie das einer Serviette.

Carlszoon3SXAls ich mich schließlich auf die Reise begab, um Carlszoons Cottage aufzusuchen, da war der geheimnisvolle Holländer, der mir offensichtlich die Karte untergeschoben hatte, wie vom Erdboden verschluckt. Niemand in Wanfried kannte einen Einwohner oder Besucher mit dem Namen Carlszoon und auch die routinierte Bedienung des Biergartens konnte sich beim besten Willen nicht an den alten Mann erinnern.

Aber beim Stöbern auf dem Dachboden des alten, verlassenen Kapitänshauses gegenüber von „Lange Eyland“ wie die Holländer die Insel nannten, stieß ich nun auch ohne weitere Hinweise des geheimnisvollen Nachfahren auf spannende  Informationen über das Leben des bislang völlig unbekannten Seefahrers und Entdeckers. Geradezu elektrisiert war ich als ausgewiesener Katzenfan aber, als ich auf das Portrait des Kapitäns gestoßen bin, auf dem auch eine rote getigerte Katze abgebildet ist. Natürlich ging sofort die Phantasie mit mir durch. Ob das gar eine Schiffskatze war, mit der sich der wackere Kapitän da hat abbilden lassen? Immerhin, nach Ruhestand sieht das Gesicht auf diesem Portrait nicht gerade aus, die Katze musste wohl in irgendeinem Zusammenhang mit seiner aktiven Zeit stehen. Natürlich stöberte ich weiter auf dem Dachboden, dessen Gerümpel, bestehend aus allerlei nützlichen und kuriosen Gegenständen, uralten Büchern und Dokumenten, die ganze Lebensgeschichte des holländischen Kapitäns – allerdings völlig ungeordnet – zu umfassen schien. Irgendwo musste es doch auch Hinweise auf die rotgetigerte Katze geben.

FrontiKarl3SXGanz hinten, verborgen unter allerlei Tauen und Segeltuch fand ich sie schließlich, die alte Seekiste des Kapitäns. Und darinnen waren nicht nur, sorgfältig in weiche Tücher eingehüllt, die nautischen Instrumente, das obligatorische Fernglas und zahlreiche Seekarten verstaut, sondern auch das Journal „Die Merckwürdige Reise zur Erkundung der Länder Ostindiens von 1658 bis 1661 im Auftrage der V.O.C.“ Und während das einzig verbliebene Exemplar des 1683 veröffentlichten Buches bereits in vielen Teilen dem Verfall ausgesetzt war, haben sich die dem Buch zugrunde liegenden, auf hochwertigstem Papier geschriebenen persönlichen Notizen des damaligen ersten Offiziers der Fleute „Zoeker“, nahezu vollständig erhalten. Und hier fand ich auch die ersten Hinweise auf den legendären Schiffskater Rotbart, der – wie sich herausstellte – nicht nur das Portrait des Carl Carlszoon ziert, sondern mit diesem zusammen auch in den wohlverdienten Ruhestand auf Carlszoons Cottage und seiner kleinen Jacht gegangen ist.

Seit dieser Entdeckung nimmt die Niederschrift des Lebens des legendären Schiffskaters Rotbart, die teils eng verknüpft mit der des Carl Carlszoon ist, seinen Lauf. Die Teile von Rotbarts Lebensgeschichte, die dabei nicht durch die historischen Dokumente belegt sind, müssen zwangsläufig durch ein wenig Phantasie ergänzt werden, der geneigte Leser wird mir das sicherlich verzeihen.

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