Ostindien-Connection: Rotbart, Bontekoe und Carl Carlszoon

477px-Willem_IJsbrandtsz_BontekoeEs muss so um 1960 gewesen sein, als mir in der Lankwitzer Stadtbücherei (Berlin) das Buch „Kapitän Bontekoes Schiffsjungen“ in die Hände gefallen ist. Ich habe es verschlungen und nie wieder vergessen. Ohne jeden Zweifel hat es meine Leidenschaft für die Geschichte und die Seefahrt geweckt, die mich trotz anderer beruflicher Orientierung nie losgelassen hatte. Inzwischen habe ich diese und meine Leidenschaft für Katzen zum Beruf gemacht und neben vielen anderen Artikeln und Büchern nun auch das historische maritime Katzenbuch „Rotbartsaga“ veröffentlicht.

Die Reisen des legendären Schiffskaters im Dienste der holländischen Ostindienkompagnie spielen im gleichen Jahrhundert wie der 1924 erstmals erschienene Klassiker Kapitän Bontekoes Schiffjungen des niederländischen Schriftstellers Johan Fabricius. Sogar die Route der ersten Reise des legendären Schiffskaters Rotbat ähnelt zunächst der des historisch realen Kapitäns Willem Ysbrandszoon Bontekoe. Rotbart und sein Kapitän Carlszoon haben sich allerdings rund 40 Jahre nach Bontekoe auf den Weg nach Ostindien gemacht und das ist hinsichtlich der politischen und technologischen Entwicklung im holländischen Goldenen Zeitalter und in Bezug auf die geografischen Kenntnisse der Zeitgenossen eine lange Zeit.

Bontekoes Schiffsjungen halte ich immer noch für empfehlenswert (mein Rotbartbuch selbstverständlich auch 😉 ), selbst wenn die in der Entstehungszeit üblichen rassistischen Vorurteile immer wieder durchscheinen und das Buch heute deshalb umstritten ist. Ich selbst habe durch das Buch keinen rassistischen Dachschaden bekommen (so etwas entsteht in der Regel nicht durch Lesen und Bildung, sondern durch Unbildung oder Dummheit), wahrscheinlich, weil ich es von vornherein als Geschichtsbuch begriffen habe. Kapitän Bontekoes Schiffsjungen ist in kaum einer Hinsicht inhaltliche Vorlage der Rotbartsaga, nicht nur wegen der political incorrectness, sondern auch, weil der Autor mit den historischen Fakten recht salopp umgeht. Die Darstellung der Schwarzen auf Sumatra als blutrünstige unkultivierte Wilde stammt allerdings aus der historischen Vorlage für Bontekoes Schiffsjungen: Das Schiffs-Journal des realen Kapitäns Bontekoe. Das ist unter dem Titel „Die Gefahrvolle Reise des Kapitän Bontekoe“ noch antiquarisch zu bekommen. Wesentlich frommer als die Seefahrtsjournale in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts kommen Bontekoes Ausführungen daher. Nicht nur, dass nahezu jedes Unglück, jede bestandene Gefahr, jedes Wetter und jedes Naturereignis dem Wirken Gottes zugeschrieben wurde und – wenn man den Journalaufzeichnungen Glauben schenken darf – zu inbrünstigen Gebeten führte. Auch den „Wilden“ wurde als Heiden automatisch moralische Minderwertigkeit unterstellt.

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Cover der Ausgabe von 1953

Kapitän Bontekoes Schiffsjungen, die Handlung (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Kapitän_Bontekoes_Schiffsjungen ): „Hajo und Rolf heuern als Schiffsjungen auf der „Nieuw-Hoorn“ an, einem Schiff, das für die Niederländische Ostindien-Kompanie nach Java fahren soll. Padde, Hajos Busenfreund, nimmt gegen seinen Willen an der Reise teil, weil er ein Nickerchen an Bord macht und nicht bemerkt, wie das Schiff abfährt.

Die drei Jungen halten deswegen in enger Freundschaft zusammen, weil die älteren Matrosen versuchen, sie als Hilfsarbeiter auszunutzen und dauernd irgendwelchen Schabernack mit ihnen treiben. Vor allem Padde als gutmütiger, naiver Dicker ist ein beliebtes Ziel, aber auch Rolf, der lesen und schreiben kann, während die Matrosen Analphabeten sind. Padde wird Bottlersmaat, der Gehilfe des Bottlers (Getränke-Verwalter auf dem Schiff), weil er eigentlich in der Bierbrauerei seines Oheims arbeiten möchte („Da weiß man, was man hat“ ist sein Ausspruch dazu).

Padde verursacht unglücklicherweise ein Feuer auf dem Schiff, weil ihm ein brennender Kerzendocht in ein Branntweinfass hineinfällt. Weil die brennende Flüssigkeit ausläuft, entsteht dadurch ein größerer Brand. Das Feuer kann trotz äußerster Anstrengung der gesamten Mannschaft nicht gelöscht werden, und erreicht die Pulverkammer. Dadurch explodiert dann das Schiff. Siebzig der mehr als zweihundert Menschen an Bord überleben, unter ihnen auch die drei Schiffsjungen, und gelangen segelnd in zwei Booten nach Sumatra.

Dort werden Padde, Hajo, Rolf und der Kochs-Maat Harmen nach Auseinandersetzungen mit den Eingeborenen von der übrigen Mannschaft getrennt. Die vier Jungen werden gefangen genommen, aber heimlich von dem einheimischen Mädchen Dolimah befreit. Sie schlagen sich dann durch nach Bantam. Unterwegs wird Harmen gefangen genommen, aber von den anderen wieder befreit. Padde tötet einen Einheimischen, der ihn angegriffen hatte. Zu ihnen stößt dann Dolimah, die den vier nachwanderte. Sie ist von ihrem Stamm geflohen, aus Angst vor Strafe, weil sie die vier befreit hatte. Als Padde schwer krank wird, holt Dolimah einen Medizinmann, der den Jungen heilt. Dolimah bekommt aber mit der Zeit großes Heimweh und geht eines Nachts zurück zu ihrem Dorf, ohne sich zu verabschieden, weil sie den Jungen das Dilemma ersparen wollte, sie mitzunehmen oder dazulassen.

Mit einem selbstgebauten Floß gelangen diese nach Java und werden von der „Nieuw Zeeland“ an Bord genommen. Rolf bleibt mit seinem Onkel Bontekoe in Ostasien. Hajo, Padde und Harmen reisen auf der „Nieuw-Zeeland“ zurück und kommen Dezember 1620 nach erfolgreicher Fahrt in Vlissingen an.

Das letzte Stück führt über Dordrecht nach Hoorn. Hajo bringt die Heuer des an Skorbut gestorbenen Lijsken dessen Mutter zusammen mit der traurigen Nachricht.“

Eine Verfilmung des Themas gibt es inzwischen auch als DVD.

BontekoeUnd hier der Klappentext des Buches „Die Gefahrvolle Reise des Kapitän Bontekoe“ (Edition Erdman 1976):
Im späten 16./frühen 17. Jahrhundert beherrschten die holländischen Seefahrer die Meere. Dieser Band der Liebhaber-Reihe „Alte abenteuerliche Reiseberichte“ vereinigt seltene Kostbarkeiten aus dieser ereignisreichen, rauhen Zeit: authentische Aufzeichnungen holländischer Seefahrer von ihren Reisen nach Südostasien und ins Nordmeer.
Im Mittelpunkt steht der fast schon legendäre, dennoch bei uns kaum zugängliche Bericht des Kapitäns Bontekoe van Hoorn. 1618 brach er im Dienst der Holländischen Ostindischen Compagnie nach Batavia auf. Erst sieben Jahre später, im November 1625, nach einer schier endlosen Reihe unvorhergesehener Zwischenfälle und Abenteuer, kehrte er nach Holland zurück.

Bontekoe umschifft das Kap der Guten Hoffnung; See und Mannschaft werden unruhig. Da bricht eine Seuche an Bord aus, zwingt zu einem Zwischenaufenthalt auf den Maskarenen, der wegen Auseinandersetzungen innerhalb der Mannschaft und mit den Eingeborenen vorzeitig abgebrochen werden muß. Im Indischen Ozean fliegt die Ladung – und damit das Schiff – in die Luft: 300 Faß Pulver explodieren. Fast die ganze Mannschaft geht zugrunde, Bontekoe rettet sich auf abenteuerliche Weise auf einen Balken – seine Reiseaufzeichnungen in der Brusttasche. Er führt sie sogar weiter, als er mit einigen Leidensgefährten in einer Schaluppe orientierungslos auf dem Ozean treibt und gelassen, ja mit kaum verständlichem Humor, dem sicheren Ende entgegensieht. Daß und wie er – nachdem die hungernden Schiffbrüchigen sich fast gegenseitig verspeisen und auf Sumatra Opfer eines blutigen Überfalls werden – dennoch Batavia erreicht, grenzt ans Unwahrscheinliche und gehört zu den atemberaubendsten Passagen seines Berichts.
Mit einer Flotte von acht Schiffen zieht Bontekoe nun von Batavia aus, um den holländischen Handel mit den Chinesen zu sichern. Nach ergebnislosen Kämpfen rüstet er sich jedoch zur Heimreise, auf der er in einem fürchterlichen Sturm auch noch Mastbruch erleidet…

Knapp, anschaulich, handlungsreich wie Bontekoes Bericht sind auch die anderen Dokumente der Seefahrt jener Tage, ihrer besonderen Gefahren und Umstände: David de Vries berichtet von nicht minder turbulenten Handelsfahrten nach Ostindien; Gerrit de Veer ist Zeuge der Nordmeer-Expedition von Willem Barentsz und Jacob van Heemskerck, die eine Nordwest-Passage nach Indien und China suchen, jedoch vom Packeis überwältigt werden und über ein Jahr in verzweifelter Lage ausharren müssen. Die Überlebenden versuchen, in offenen Booten die Heimat zu erreichen.

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